Spieletest | 07.06.2010
Alpha Protocol
Rollenspiel-Experte Obsidian Entertainment und Sega bescheren Xbox-360-, PS3- und PC-Spieler einen bis dato einzigartigen Genre-Mix: Bei "Alpha Protocol" werden Bond-Attitüde und Stealth-Action à la "Splinter Cell" durch einen gezielten Schuss Rollenspiel aufgewertet.
Das amerikanische Studio Obsidian tat sich bislang als Fortsetzungs-Lieferant hervor. Dort hat man die Nachfolger zu klangvollen Bioware-Rollenspielen wie "Knights of the Old Republic" und "Neverwinter Nights" auf den Weg gebracht, auch Bethesdas neues "Fallout" wird von Obsidian entwickelt. Was die US-Spieleschmiede indes bis heute nicht vorweisen kann, ist eine selbst erdachte Marke. Ein Umstand, der sich mit dem für Sega entwickelten "Alpha Protocol" vielleicht ändert: Das vollmundig als erstes Stealth- und Spionage-Rollenspiel angepriesene Abenteuer erzählt vom Einstand des Super-Agenten Michael Thorton, der seine ersten aufreibenden Einsätze besteht. Je nach gewähltem Profil war der geheimdienstliche Leisetreter zuvor als Soldat, Söldner oder anderweitig professionell engagierter Gewalttäter unterwegs.
Eine kurze Tutorial-Mission im Gebäude derjenigen Geheimorganisation, für die der Held ab jetzt seine Waffe zückt, erklärt, was hier gespielt wird: Die Kombination aus Spionage-Action, Schleicherei und Rollenspiel stellt nicht nur die Reflexe des Spielers, sondern auch seine planerischen Fähigkeiten auf die Probe. So hat jeder Erfolg die Verbesserung der Spielfigur zufolge, bei der individuell neue Talente bestimmt oder alte Fähigkeiten ausgebaut werden dürfen.
Das Spiel selbst präsentiert sich wie die technisch stark abgespeckte Version eines modernen Militär- und Stealth-Shooters. Bedeutet: Der Spieler schaut seinem Agenten-Alter-Ego bei der Action über die Schulter, lässt ihn auf Knopfdruck in Deckung hechten, Leitern emporklettern, sich von hinten an vermeintlich ahnungslose Feinde anpirschen oder auch mal aus allen Rohren feuern, was allerdings eher selten zum Erfolg führt.
Schade nur, dass "Alpha Protocol" inszenatorisch nicht mit seiner Geschichte, die in jedem Spiel aufgrund der getroffenen Entscheidungen einen völlig anderen Verlauf nehmen kann, mithalten kann und obendrein mit viel zu vielen unausgegorenen Geschicklichkeitstests nervt - etwa beim Computer-Hacken oder Schlösser-Knacken. Was sich hier auf dem Bildschirm abspielt, das hätte vielleicht vor zwei oder drei Jahren eine gute Figur gemacht. Heute wirkt es bestenfalls überholt und kommt zudem immer wieder ins Stocken.
Nun haben Zahlenspielereien, Charakter-Entwicklung, hintergründige Dialoge, abwechslungsreiche Missionen und zahlreiche Story-Verzweigungen zwar das Potenzial, "Alpha Protocol" zumindest bei der Rollenspiel-Community punkten zu lassen. Aber wie es besser geht, zeigt Biowares Science-Fiction-Spektakel "Mass Effect 2".
Und ob die Fans von actionlastigen Agenten-Stories für all das Rollenspielbeiwerk auf die Sorte Präsentation verzichten wollen, die sie von "Splinter Cell" und Co. gewöhnt sind, darf bezweifelt werden. Bleibt also nur zu hoffen, dass einige Neugierige dem Titel eine Chance geben, über all die technischen Schwächen hinwegsehen und die darunter verborgenen Qualitäten entdecken. Denn Tiefgang hat das intelligente "Alpha Protocol" definitiv.
Facts
| System | PC, PlayStation3, Xbox 360 |
| Vertrieb | Sega |
| Entwickler | Obsidian |
Bewertung
| Grafik | Befriedigend |
| Sound | Gut |
| Steuerung | Gut |
| Spielspaß | Gut |
| Gesamturteil | Gut |



