Spieletest | 14.02.2010

Dante's Inferno

Um volljährigen Computerspielern ein Stück Weltliteratur näherzubringen, gehen die EA-Entwickler von Visceral Games ungewöhnliche Wege. Das Team verwandelte Dante Alighieris "Göttliche Komödie" in einen morbiden Höllentrip, der frappierende Ähnlichkeit mit Sonys Erfolgsreihe "God of War" hat und als "Dante's Inferno" nun für PS3 und Xbox 360 in den Läden steht. Doch trotz aller blutigen Effekthascherei und der mitunter monotonen Daueraction: Den Machern gelingt der Spagat zwischen freier Interpretation und Werktreue.

Bild 1 von 3

Die 14.000 Verse der Vorlage aus dem frühen 14. Jahrhundert, in der Schriftsteller Dante seine Reise durch die unterschiedlichen Ebenen des Jenseits beschreibt und dabei vom toten Dichter Vergil begleitet wird, prägten nachhaltig das Bild, das die Menschen bis heute von der Hölle haben. Alighieri unterteilte das Totenreich in eine Vorhölle und neun Kreise, in der die Sünder der Maßlosigkeit, der Bosheit und des Verrats ewige Qualen gemäß ihrer Verfehlungen erleiden.

Wie Visceral Games diese Vorstellung optisch umsetzte, ist erstaunlich, perfide, grausig und manchmal auch geschmacklos, aber die meiste Zeit über doch erschreckend beeindruckend. So wird beispielsweise der Kreis der Maßlosigkeit als riesiger Verdauungstrakt mit mahlenden Kiefern und grauenhaft aufgeblähten Kreaturen inszeniert. Entstellte Frauenbilder verkörpern die Wolllust. Und am Ufer des Höllenflusses Archeron strömen Scharen von wehklagenden Seelen herbei, um alle Hoffnungen fahren zu lassen.

Nicht minder kreativ waren die Entwickler, die bereits für das umstrittene Horror-Spektakel "Dead Space" verantwortlich zeichneten, auch bei der Verwandlung des harmlosen Schriftstellers in einen sündigen Kreuzfahrer. Der trotzt bereits in den ersten Minuten dem Tod und macht sich dann auf den Weg in die Unterwelt, um seine ermordete Liebste aus den Fängen des Teufels zu befreien.

Die geklaute Klinge des Sensenmanns erweist sich dabei als probates Mittel, um mit sämtlichen Bedrohungen, die die Hölle ausspuckt, fertigzuwerden. Auch Abgründe lassen sich gefahrlos überwinden, indem Dante die Sichel als Kletterhaken missbraucht. Fliegende Gegner holt er indes mit den Geschossen eines heiligen Kreuzes vom Höllenhimmel.

Etwas scheinheilig, aber folgenreich für das Freischalten von neuen Angriffskombinationen und magische Sonderfähigkeiten des Helden: Besiegte Gegner können "bestraft" oder "erlöst" werden - was mit unterschiedlichen Gesinnungspunkten belohnt wird. Zum moralischen Test werden dagegen die Begegnungen mit Schlüsselfiguren aus der "Göttlichen Komödie": Wie soll man beispielsweise mit Pontius Pilatus verfahren, der Jesus ans Kreuz nageln ließ? Ob gnädig oder herzlos: Das darauf folgende Reaktionsspielchen mag ebenso wenig zum Rest des Games passen wie die Comic-Zwischensequenzen, die einen kleinen Vorgeschmack auf den geplanten Film geben.

Deutlich besser gliedern sich kleinere Rätsel-, Kletter- und Geschicklichkeitseinlagen ein, die den brachialen Action-Alltag zum Glück immer wieder aufbrechen. Wie im bald folgenden "God of War 3" (Veröffentlichung im März) darf beispielweise Dante auf dem Rücken von größeren Monstern reiten. Mit den gewaltigen und schaurig-schönen Boss-Gegnern muss er jedoch ganz alleine fertig werden. Auch hier zeigt sich die Verwandtschaft mit "God of War" deutlich: Der Richter der Verdammten, der Höllenhund Cerberus und Co. können nur in sogenannten Quicktime-Events, filmreif inszenierten Reaktionstests, besiegt werden.

So sind es am Ende nach rund zehn Stunden infernalischer Action tatsächlich die fehlenden Innovationen und Emotionen des arg charakterlosen Helden sowie viele unnötig drastische Szenen, die man "Dante's Inferno" ankreiden kann. Ansonsten macht sich der neue Titel von EA allenfalls der audiovisuellen Völlerei schuldig ...

Bernd Fetsch

Facts

System Xbox 360, PlayStation3
Vertrieb Electronic Arts
Entwickler Visceral Games

Bewertung

Grafik Gut
Sound Gut
Steuerung Gut
Spielspaß Gut
Gesamturteil Gut